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Pflegegrad-Einstufung: Die 6 Module und ihre Gewichtung erklärt

Wie entscheidet der MDK, welcher Pflegegrad vergeben wird? Welches Modul zählt wie viel? Wir erklären das Begutachtungssystem mit konkreten Beispielen und zeigen, wo sich Vorbereitung lohnt.

9 Min. LesezeitVeröffentlicht: 01. Dezember 2024Aktualisiert: 20. März 2025

Die Einstufung in einen Pflegegrad ist keine Zufallsentscheidung — sie folgt einem klar definierten Punktesystem mit sechs Modulen. Wer versteht, wie dieses System funktioniert, kann sich gezielt vorbereiten und hat deutlich bessere Chancen auf einen fairen Pflegegrad.

Das Grundprinzip: Selbstständigkeit, nicht Zeitaufwand

Seit der Pflegereform 2017 misst der MDK nicht mehr die Zeit, die ein Mensch für bestimmte Aktivitäten benötigt, sondern den Grad der verbliebenen Selbstständigkeit. Die entscheidende Frage lautet: Kann die Person eine Aktivität selbstständig, mit Aufsicht, mit Unterstützung oder gar nicht ausführen? Je nach Antwortkategorie werden 0, 1, 2 oder 3 Punkte vergeben.

Die sechs Module im Detail

Modul 1: Mobilität (Gewichtung 10 %)

  • Positionswechsel im Bett (Umdrehen, Aufrichten)
  • Halten einer stabilen Sitzposition
  • Aufstehen aus dem Sitzen, Umsetzen
  • Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs
  • Treppensteigen

Dieses Modul zählt nur 10 % — hat aber Einfluss auf viele Alltagsaktivitäten. Wer auf den Rollstuhl angewiesen ist oder Treppen nicht mehr steigen kann, erhält hier mehrere Punkte.

Modul 2: Kognitive und kommunikative Fähigkeiten (Gewichtung 15 %)

  • Erkennen von Personen aus dem näheren Umfeld
  • Örtliche und zeitliche Orientierung
  • Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen
  • Steuern von mehrschrittigen Alltagshandlungen
  • Treffen von Entscheidungen in vertrautem Umfeld
  • Verstehen von Sachverhalten und Informationen
  • Erkennen von Risiken, Gefahren
  • Mitteilen von elementaren Bedürfnissen
  • Verstehen von Aufforderungen
  • Beteiligen an einem Gespräch

💡 Wichtig für Demenz-Betroffene

Für Menschen mit Demenz oder anderen kognitiven Einschränkungen wird Modul 2 oder Modul 3 (Verhaltensweisen) in der Regel höher bewertet. Das Neue Begutachtungsassessment (NBA) erfasst diese Beeinträchtigungen deutlich besser als das alte System.

Modul 3: Verhaltensweisen und psychische Problemlagen (Gewichtung 15 %)

Hier werden Häufigkeit und Intensität von Verhaltensauffälligkeiten wie motorische Unruhe, Schlafstörungen, Ängste, Abwehrverhalten bei der Pflege, Wahnvorstellungen, Aggressivität oder Suizidgefährdung bewertet. Jedes dieser Merkmale wird mit 0 (nie), 1 (seltener als wöchentlich), 2 (ein- bis zweimal pro Woche) oder 3 (täglich) eingestuft.

Modul 4: Selbstversorgung (Gewichtung 40 %)

Mit 40 % ist dieses Modul das bei weitem wichtigste. Es umfasst Waschen des vorderen Oberkörpers, Körperpflege, An- und Auskleiden, Essen und Trinken, Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls sowie Bewältigung von Folgen einer Harninkontinenz. Wer hier Einschränkungen hat, beeinflusst den Pflegegrad am stärksten.

📌 Praxistipp

Beschreiben Sie beim MDK-Besuch den schlechtesten Durchschnittstag, nicht den besten Tag. Viele Menschen neigen dazu, ihre Selbstständigkeit zu überschätzen oder möchten nicht als hilflos gelten. Das führt zu zu niedrigen Pflegegraden.

Modul 5: Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen (Gewichtung 20 %)

  • Selbstständige Durchführung oder Überwachung der Medikamenteneinnahme
  • Injektionen (z. B. Insulin), Wundversorgung
  • Messung und Dokumentation von Vitalwerten
  • Arzt- und Therapiebesuche organisieren und wahrnehmen
  • Umgang mit Hilfsmitteln (Prothesen, Orthesen, etc.)

Modul 6: Gestaltung des Alltagslebens (Gewichtung 15 %)

Das letzte Modul bewertet, ob der Mensch seinen Alltag noch gestalten kann: Tagesablauf planen, in die Gemeinschaft eingebunden sein, Freizeitaktivitäten ausüben, mit vertrauten Personen kontaktieren. Wer sich vollständig zurückgezogen hat oder den Tag nicht mehr eigenständig strukturieren kann, erhält hier mehrere Punkte.

So entstehen die Pflegegrade aus den Punkten

  • Pflegegrad 1: 12,5 bis unter 27 Punkte (geringe Beeinträchtigung)
  • Pflegegrad 2: 27 bis unter 47,5 Punkte (erhebliche Beeinträchtigung)
  • Pflegegrad 3: 47,5 bis unter 70 Punkte (schwere Beeinträchtigung)
  • Pflegegrad 4: 70 bis unter 90 Punkte (schwerste Beeinträchtigung)
  • Pflegegrad 5: 90 bis 100 Punkte (schwerste Beeinträchtigung mit besonderen Anforderungen)

Vorbereitung: Was Sie vor dem MDK-Besuch tun können

  1. 1Pflegetagebuch führen: Mindestens 2 Wochen lang täglich notieren, bei was geholfen wurde
  2. 2Schlechtesten Tag schildern, nicht den guten Tag
  3. 3Alle Diagnosen und Medikamente bereithalten
  4. 4Vertraute Person hinzuziehen, die bezeugen kann, was täglich anfällt
  5. 5Wohnung so zeigen wie sie täglich ist — nicht aufgeräumt für den Besuch
  6. 6Bei Ablehnung oder zu niedrigem Pflegegrad: sofort Widerspruch einlegen

Häufige Fragen

Welches Modul ist am wichtigsten für den Pflegegrad?
Modul 4 (Selbstversorgung) zählt mit 40 % am schwersten. Einschränkungen beim Waschen, Ankleiden, Essen oder der Toilettennutzung haben den größten Einfluss auf den Pflegegrad.
Zählen psychische Erkrankungen beim Pflegegrad?
Ja — Modul 2 (kognitive Fähigkeiten) und Modul 3 (Verhaltensweisen) erfassen psychische und kognitive Einschränkungen direkt. Besonders bei Demenz können diese Module eine entscheidende Rolle spielen.
Kann der Pflegegrad nach einem negativen Bescheid verbessert werden?
Ja, durch Widerspruch (innerhalb eines Monats) oder nach Zustandsverschlechterung durch Neuantrag. Rund ein Drittel aller Widersprüche führt zu einer Höherstufung.
Wie oft wird der Pflegegrad neu bewertet?
Es gibt keine automatische regelmäßige Überprüfung. Sie können aber jederzeit eine Höherstufung beantragen, wenn sich die Pflegesituation verschlechtert hat.
HH

Über den Autor

Helping-Home-Team

Pflegeexperten aus Dinslaken

Das Helping-Home-Team besteht aus erfahrenen Pflegekräften und Sozialberaterinnen, die täglich Familien in NRW bei allen Fragen rund um häusliche Betreuung und Pflegeleistungen unterstützen.

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